Newsletter anfordern

Newsletter abbestellen/ändern











VON WALTER DÄPP

Er ist Uhrmacher durch und durch, und irgendwie spricht er auch so, wie ein Uhrwerk tickt: langsam, leise, präzis: Paul Gerber, 57-jährig, ein Berner Uhrmacher-Rhabilleur (Restaurator), der einst im elterlichen Uhrengeschäft in Ostermundigen die Lehre absolvierte und seit vielen Jahren in Zürich lebt. Er ist, in seiner Kellerwerkstatt in Albisrieden, einer der genialsten, renommiertesten und erfolgreichsten Uhrentüftler der Schweiz. Eigentlich müsste er sein „Atelier für Uhrenkonstruktionen“ vergrössern, wenn er die steigende Nachfrage nach aussergewöhnlichen Uhrenkreationen befriedigen wollte. Doch statt Geschäftsmann ist er lieber Tüftler, will nicht, dass sein „Arbeitstisch zum Bürotisch wird“.
Letztes Jahr ist ihm vom internationalen Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds der begehrte „Prix Gaia“ verliehen worden – als einem „der begabtesten Uhrmacher seiner Generation“, wie in der Laudatio stand, der „es durch seine technischen und künstlerischen Kreationen versteht, uns von den schönsten Stunden der Zeit träumen zu lassen“.

Die Zeit interessiere ihn allerdings nicht wirklich, sagt Paul Gerber: „Sie läuft ab – mehr nicht. Die Uhr zeigt das bloss an, macht auch bewusst, dass unsere innere Uhr abläuft.“ Diese innere Uhr, die Lebensuhr, habe im Gegensatz zur mechanischen Uhr den Vorteil, dass sie sich stets wieder automatisch aufziehe – bis sie unwiderruflich einmal stehen bleibe. Wenn heute von „der schnelllebigen Zeit“ die Rede ist, sei ihm das ganz genehm: „Ich liebe es, dass die Zeit läuft, die Uhr tickt. Und ich habe Mühe mit der Vorstellung, es könnte mir langweilig werden.“
Die Zeit interessiere ihn allerdings nicht wirklich, sagt Paul Gerber: „Sie läuft ab – mehr nicht. Die Uhr zeigt das bloss an, macht auch bewusst, dass unsere innere Uhr abläuft.“ Diese innere Uhr, die Lebensuhr, habe im Gegensatz zur mechanischen Uhr den Vorteil, dass sie sich stets wieder automatisch aufziehe – bis sie unwiderruflich einmal stehen bleibe. Wenn heute von „der schnelllebigen Zeit“ die Rede ist, sei ihm das ganz genehm: „Ich liebe es, dass die Zeit läuft, die Uhr tickt. Und ich habe Mühe mit der Vorstellung, es könnte mir langweilig werden.“ „Was ich jedoch mache“, sagt Gerber, „kann ich in keinem Schulbuch nachlesen. Ich entwickle es immer wieder neu, tüftle nicht nur alles selber aus, ich konstruiere es, zusammen mit meinen beiden Mitarbeitern – von der ersten Idee bis zum Moment, da die Uhr tickt. Auch alle Einzelteile werden von uns gefertigt, finissiert, angepasst und getestet.“ Er möge nicht „das nachbauen, was schon da ist“ – er baue auf Vorhandenem auf, perfektioniere und kompliziere es.
Mit zwei seiner Kreationen – der kleinsten Holzuhr und der kompliziertesten Armbanduhr der Welt – hat er es schon ins Guinness-Buch der Rekorde gebracht. Bei der Holzuhr handelt es sich um eine aus 245 Einzelteilen zusammengesetzte, bloss 22 Millimeter hohe Miniaturuhr aus Buchsbaumholz. „Eigentlich war das für mich eine Machbarkeitsstudie“, sagt Gerber, „ich wollte wissen, ob eine so kleine Uhr aus Holz zu konstruieren ist. Es gelang. Ich stellte dann fünf Exemplare her: begehrte Sammelobjekte.“
So entstand später auch die komplizierteste und nun zweifellos teuerste Armbanduhr der Welt: Sie besteht aus 1116 Einzelteilen und basiert auf einem über hundertjährigen Taschenuhrwerk von Louis Elysée Piguet, das 491 Teile umfasste. Dieses 1892 konstruierte Basiswerk mit 32 Millimeter Durchmesser wurde hundert Jahre später vom Genfer Uhrmacher Francesco „Franck“ Muller auf 651 Einzelteile erweitert und mit einem Platingehäuse und einem von Breguet inspirierten Zifferblatt eingekleidet.

Dem späteren Besitzer dieser Uhr, dem Zürcher Industriellen und Uhrensammler Willi Sturzenegger, alias „Lord Arran“, war die komplizierteste Armbanduhr der Welt aber noch nicht kompliziert genug. Er beauftragte Paul Gerber, das kostbare Vorzeigewerk perfekter Uhrmacherkunst mit weiteren winzig kleinen, feinen Spitzenkomplikationen auszustatten – auch mit einem fliegenden Tourbillon, einem „Wirbelwind“ – einer Vorrichtung, die dazu dient, den Einfluss der Schwerkraft auf die Ganggenauigkeit der Uhr auszugleichen. „Lord Arrans“ Rahmenbedingungen: Die Uhr durfte nicht dicker werden, die originale Unruh musste erhalten bleiben, der Tourbillon sollte ein „fliegender Tourbillon“ sein.

Gerber machte sich also an sein bisher aufwendigstes und ausgeklügeltstes (Uhr-)Werk – und reüssierte: Innerhalb dreier Jahre hatte er die Uhr um den kleinsten fliegenden Tourbillon der Welt und um 121 zusätzliche Einzelteile erweitert.
Doch „Lord Arran“ wollte noch mehr – und Gerber hielt mit: In den folgenden acht Jahren erweiterte er die Uhr um 344 zusätzliche Teile, so dass sie nun mit ihren 1116 Bestandteilen die mit Abstand komplizierteste Armbanduhr der Welt ist.
„Diese Uhr ist in der Tat einmalig“, sagt Gerber heute: „Für mich als Uhrmacher war es eine riesige Herausforderung, all diese neuen Komplikationen ins bestehende Uhrwerk zu integrieren – und dies praktisch ohne zusätzlich verfügbaren Raum. Ich weiss nicht, ob ich heute noch den Mut und die Energie hätte, damit zu beginnen – ich habe vielleicht etwa 12 000 Arbeitsstunden dafür aufgewendet.“
Bis in die Sechzigerjahre hätten Uhren vor allem dünn und genau sein müssen, sagt Gerber – und da habe sich die Quarzuhr, die punkto Genauigkeit jeder mechanischen Uhr überlegen sei, durchgesetzt. Doch nun sei die komplexe mechanische Uhr vermehrt wieder gefragt, weil sie nicht bloss die genaue Zeit anzeige: „Sie ermöglicht es, den Lauf der Zeit wirklich mitzuerleben. Deshalb ist auch bei der kompliziertesten Uhr der Welt der Gehäuseboden aus Glas, damit man das, was in diesem Maschineli abläuft, beobachten kann – den fliegenden Tourbillon zum Beispiel, die Hämmerchen des Schlagwerks, das feine Räderwerk.“ Paul Gerber nimmt sich Zeit, viel Zeit, um das komplizierte Funktionieren und Ineinanderspielen all dieser Einzelteilchen zu erklären. Als Uhrmacher, sagt er, müsse man ein ruhiger, geduldiger Typ sein, könne „nicht ständig auf die Uhr schauen“.
Ruth Gerber, seine Frau, nickt: Paul sei ein Mensch, der nie flüchtig etwas anpacke, sondern überlegt an eine Sache herangehe. Sie bringt Kaffee – für Paul koffeinfreien. Zwei normale Tassen pro Tag lägen drin, dann gehe es „nur noch koffeinfrei“. Klar: Wer den Schlotteri hat, wie er sagt, kann so winzige Schräubchen nicht einschrauben, so feine Kanten nicht polieren – den Lauf der Zeit nie und nimmer so kreativ komplizieren.







nach oben


Startseite | Kundenservice | Leserbriefe
Jetzt abonnieren | Reader's Digest Schweiz
Reader's Digest International | Shop | Geschenkabo
Anzeigen | Service für Journalisten

Allg.Geschäftsbedingungen | Impressum